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Palast der Regentin

Margarete von Parma in Jagdkleidern. Hofleute. Pagen. Bediente.

Regentin. Ihr stellt das Jagen ab, ich werde heut nicht reiten. Sagt Machiavellen, er sollzu mir kommen.

(Alle gehen ab.)

Der Gedanke an diese schrecklichen Begebenheiten läßt mir keine Ruhe! Nichts kann michergetzen, nichts mich zerstreuen; immer sind diese Bilder, diese Sorgen vor mir. Nun wird derKönig sagen, dies sei'n die Folgen meiner Güte, meiner Nachsicht; und doch sagt mir meinGewissen jeden Augenblick, das Rätlichste, das Beste getan zu haben. Sollte ich frühermit dem Sturme des Grimmes diese Flammen anfachen und umhertreiben? Ich hoffte sie zu umstellen,sie in sich selbst zu verschütten. Ja, was ich mir selbst sage, was ich wohl weiß,entschuldigt mich vor mir selbst; aber wie wird es mein Bruder aufnehmen? Denn, ist es zu leugnen?Der Übermut der fremden Lehrer hat sich täglich erhöht; sie haben unser Heiligtumgelästert, die stumpfen Sinne des Pöbels zerrüttet und den Schwindelgeist unter siegebannt. Unreine Geister haben sich unter die Aufrührer gemischt, und schreckliche Taten sindgeschehen, die zu denken schauderhaft ist, und die ich nun einzeln nach Hofe zu berichten habe,schnell und einzeln, damit mir der allgemeine Ruf nicht zuvorkomme, damit der König nichtdenke, man wolle noch mehr verheimlichen. Ich sehe kein Mittel, weder strenges noch gelindes, demÜbel zu steuern. O was sind wir Großen auf der Woge der Menschheit? Wir glauben siezu beherrschen, und sie treibt uns auf und nieder, hin und her.

(Machiavell tritt auf.)

Regentin. Sind die Briefe an den König aufgesetzt?

Machiavell. In einer Stunde werdet Ihr sie unterschreiben können.

Regentin. Habt Ihr den Bericht ausführlich genug gemacht?

Machiavell. Ausführlich und umständlich, wie es der König liebt. Icherzähle, wie zuerst um St. Omer die bilderstürmerische Wut sich zeigt. Wie einerasende Menge, mit Stäben, Beilen, Hämmern, Leitern, Stricken versehen, von wenigBewaffneten begleitet, erst Kapellen, Kirchen und Klöster anfallen, die Andächtigenverjagen, die verschlossenen Pforten aufbrechen, alles umkehren, die Altäreniederreißen, die Statuen der Heiligen zerschlagen, alle Gemälde verderben, alles, wassie nur Geweihtes, Geheiligtes antreffen, zerschmettern, zerreißen, zertreten. Wie sich derHaufe unterwegs vermehrt, die Einwohner von Ypern ihnen die Tore eröffnen. Wie sie den Dom mitunglaublicher Schnelle verwüsten, die Bibliothek des Bischofs verbrennen. Wie eine großeMenge Volks, von gleichem Unsinn ergriffen, sich über Menin, Comines, Werwicq, Lilleverbreitet, nirgend Widerstand findet, und wie fast durch ganz Flandern in einem Augenblickedie ungeheure Verschwörung sich erklärt und ausgeführt ist.

Regentin. Ach, wie ergreift mich aufs neue der Schmerz bei deiner Wiederholung! Und dieFurcht gesellt sich dazu, das Übel werde nur größer und größer werden.Sagt mir Eure Gedanken, Machiavell!

Machiavell. Verzeihen Eure Hoheit, meine Gedanken sehen Grillen so ähnlich; und wennIhr auch immer mit meinen Diensten zufrieden wart, habt Ihr doch selten meinem Rat folgenmögen. Ihr sagtet oft im Scherze: »Du siehst zu weit, Machiavell! Du solltestGeschichtschreiber sein: wer handelt, muß fürs Nächste sorgen.« Und doch,habe ich diese Geschichte nicht vorauserzählt? Hab ich nicht alles vorausgesehen?

Regentin. Ich sehe auch viel voraus, ohne es ändern zu können.

Machiavell. Ein Wort für tausend: Ihr unterdrückt die neue Lehre nicht. Laßtsie gelten, sondert sie von den Rechtgläubigen, gebt ihnen Kirchen, faßt sie in diebürgerliche Ordnung, schränkt sie ein; und so habt Ihr die Aufrührer auf einmal zurRuhe gebracht. Jede andern Mittel sind vergeblich, und Ihr verheert das Land.

Regentin. Hast du vergessen, mit welchem Abscheu mein Bruder selbst die Frage verwarf, obman die neue Lehre dulden könne? Weißt du nicht, wie er mir in jedem Briefe dieErhaltung des wahren Glaubens aufs eifrigste empfiehlt? daß er Ruhe und Einigkeit auf Kostender Religion nicht hergestellt wissen will? Hält er nicht selbst in den Provinzen Spione, diewir nicht kennen, um zu erfahren, wer sich zu der neuen Meinung hinüberneigt? Hat er nicht zuunsrer Verwunderung uns diesen und jenen genannt, der sich in unsrer Nähe heimlich derKetzerei schuldig machte? Befiehlt er nicht Strenge und Schärfe? Und ich soll gelind sein? ichsoll Vorschläge tun, daß er nachsehe, daß er dulde? Würde ich nicht allesVertrauen, allen Glauben bei ihm verlieren?

Machiavell. Ich weiß wohl; der König befiehlt, er läßt Euch seineAbsichten wissen. Ihr sollt Ruhe und Friede wiederherstellen, durch ein Mittel, das dieGemüter noch mehr erbittert, das den Krieg unvermeidlich an allen Enden anblasen wird.Bedenkt, was Ihr tut. Die größten Kaufleute sind angesteckt, der Adel, das Volk, dieSoldaten. Was hilft es, auf seinen Gedanken beharren, wenn sich um uns alles ändert?Möchte doch ein guter Geist Philippen eingeben, daß es einem Königeanständiger ist, Bürger zweierlei Glaubens zu regieren, als sie durch einanderaufzureiben.

Regentin. Solch ein Wort nie wieder. Ich weiß wohl, daß Politik selten Treu undGlauben halten kann, daß sie Offenheit, Gutherzigkeit, Nachgiebigkeit aus unsern Herzenausschließt. In weltlichen Geschäften ist das leider nur zu wahr; sollen wir aber auchmit Gott spielen wie unter einander? Sollen wir gleichgültig gegen unsre bewährte Lehresein, für die so viele ihr Leben aufgeopfert haben? Die sollten wir hingeben an hergelaufne,ungewisse, sich selbst widersprechende Neuerungen?

Machiavell. Denkt nur deswegen nicht übler von mir.

Regentin. Ich kenne dich und deine Treue und weiß, daß einer ein ehrlicher undverständiger Mann sein kann, wenn er gleich den nächsten besten Weg zum Heil seiner Seeleverfehlt hat. Es sind noch andere, Machiavell, Männer, die ich schätzen und tadelnmuß.

Machiavell. Wen bezeichnet Ihr mir?

Regentin. Ich kann es gestehen, daß mir Egmont heute einen recht innerlichen tiefenVerdruß erregte.

Machiavell. Durch welches Betragen?

Regentin. Durch sein gewöhnliches, durch Gleichgültigkeit und Leichtsinn. Icherhielt die schreckliche Botschaft, eben als ich, von vielen und ihm begleitet, aus der Kircheging. Ich hielt meinen Schmerz nicht an, ich beklagte mich laut und rief, indem ich mich zu ihmwendete. »Seht, was in Eurer Provinz entsteht! Das duldet Ihr, Graf, von dem der Königsich alles versprach?«

Machiavell. Und was antwortete er?

Regentin. Als wenn es nichts, als wenn es eine Nebensache wäre, versetzte er:»Wären nur erst die Niederländer über ihre Verfassung beruhigt! Dasübrige würde sich leicht geben.«

Machiavell. Vielleicht hat er wahrer als klug und fromm gesprochen. Wie soll Zutrauenentstehen und bleiben, wenn der Niederländer sieht, daß es mehr um seineBesitztümer als um sein Wohl, um seiner Seele Heil zu tun ist? Haben die neuen Bischöfemehr Seelen gerettet, als fette Pfründen geschmaust, und sind es nicht meist Fremde? Nochwerden alle Statthalterschaften mit Niederländern besetzt; lassen sich es die Spanier nicht zudeutlich merken, daß sie die größte, unwiderstehlichste Begierde nach diesenStellen empfinden? Will ein Volk nicht lieber nach seiner Art von den Seinigen regieret werden alsvon Fremden, die erst im Lande sich wieder Besitztümer auf Unkosten aller zu erwerben suchen,die einen fremden Maßstab mitbringen und unfreundlich und ohne Teilnehmung herrschen?

Regentin. Du stellst dich auf die Seite der Gegner.

Machiavell. Mit dem Herzen gewiß nicht; und wollte, ich könnte mit dem Verstandeganz auf der unsrigen sein.

Regentin. Wenn du so willst, so tät' es not, ich träte ihnen meine Regentschaftab; denn Egmont und Oranien machten sich große Hoffnung, diesen Platz einzunehmen. Damalswaren sie Gegner; jetzt sind sie gegen mich verbunden, sind Freunde, unzertrennliche Freundegeworden.

Machiavell. Ein gefährliches Paar.

Regentin. Soll ich aufrichtig reden: ich fürchte Oranien, und ich fürchte fürEgmont. Oranien sinnt nichts Gutes, seine Gedanken reichen in die Ferne, er ist heimlich, scheintalles anzunehmen, widerspricht nie, und in tiefster Ehrfurcht, mit größter Vorsicht tuter, was ihm beliebt.

Machiavell. Recht im Gegenteil geht Egmont einen freien Schritt, als wenn die Welt ihmgehörte.

Regentin. Er trägt das Haupt so hoch, als wenn die Hand der Majestät nichtüber ihm schwebte.

Machiavell. Die Augen des Volks sind alle nach ihm gerichtet, und die Herzen hängen anihm.

Regentin. Nie hat er einen Schein vermieden; als wenn niemand Rechenschaft von ihm zufordern hätte. Noch trägt er den Namen Egmont. Graf Egmont freut ihn sich nennen zuhören; als wollte er nicht vergessen, daß seine Vorfahren Besitzer von Geldern waren.Warum nennt er sich nicht Prinz von Gaure, wie es ihm zukommt? Warum tut er das? Will er erloschneRechte wieder geltend machen?

Machiavell. Ich halte ihn für einen treuen Diener des Königs.

Regentin. Wenn er wollte, wie verdient könnte er sich um die Regierung machen; anstattdaß er uns schon, ohne sich zu nutzen, unsäglichen Verdruß gemacht hat. SeineGesellschaften, Gastmahle und Gelage haben den Adel mehr verbunden und verknüpft als diegefährlichsten heimlichen Zusammenkünfte. Mit seinen Gesundheiten haben die Gästeeinen dauernden Rausch, einen nie sich verziehenden Schwindel geschöpft. Wie oft setzt erdurch seine Scherzreden die Gemüter des Volks in Bewegung, und wie stutzte der Pöbelüber die neuen Livreen, über die törichten Abzeichen der Bedienten!

Machiavell. Ich bin überzeugt, es war ohne Absicht.

Regentin. Schlimm genug. Wie ich sage: er schadet uns und nützt sich nicht. Er nimmtdas Ernstliche scherzhaft; und wir, um nicht müßig und nachlässig zu scheinen,müssen das Scherzhafte ernstlich nehmen. So hetzt eins das andre; und was man abzuwendensucht, das macht sich erst recht. Er ist gefährlicher als ein entschiednes Haupt einerVerschwörung; und ich müßte mich sehr irren, wenn man ihm bei Hofe nicht allesgedenkt. Ich kann nicht leugnen, es vergeht wenig Zeit, daß er mich nicht empfindlich, sehrempfindlich macht.

Machiavell. Er scheint mir in allem nach seinem Gewissen zu handeln.

Regentin. Sein Gewissen hat einen gefälligen Spiegel. Sein Betragen ist oftbeleidigend. Er sieht oft aus, als wenn er in der völligen Überzeugung lebe, er sei Herrund wolle es uns nur aus Gefälligkeit nicht fühlen lassen, wolle uns so gerade nicht zumLande hinausjagen; es werde sich schon geben.

Machiavell. Ich bitte Euch, legt seine Offenheit, sein glückliches Blut, das allesWichtige leicht behandelt, nicht zu gefährlich aus. Ihr schadet nur ihm und Euch.

Regentin. Ich lege nichts aus. Ich spreche nur von den unvermeidlichen Folgen, und ich kenneihn. Sein niederländischer Adel und sein Golden Vlies vor der Brust stärken seinVertrauen, seine Kühnheit. Beides kann ihn vor einem schnellen, willkürlichen Unmut desKönigs schützen. Untersuch es genau; an dem ganzen Unglück, das Flandern trifft, ister doch nur allein schuld. Er hat zuerst den fremden Lehrern nachgesehn, hat's so genau nichtgenommen und vielleicht sich heimlich gefreut, daß wir etwas zu schaffen hatten. Laßmich nur; was ich auf dem Herzen habe, soll bei dieser Gelegenheit davon. Und ich will die Pfeilenicht umsonst verschießen; ich weiß, wo er empfindlich ist. Er ist auch empfindlich.

Machiavell. Habt Ihr den Rat zusammenberufen lassen? Kommt Oranien auch?

Regentin. Ich habe nach Antwerpen um ihn geschickt. Ich will ihnen die Last derVerantwortung nahe genug zuwälzen; sie sollen sich mit mir dem Übel ernstlichentgegensetzen oder sich auch als Rebellen erklären. Eile, daß die Briefe fertig werden,und bringe mir sie zur Unterschrift. Dann sende schnell den bewährten Vaska nach Madrid; erist unermüdet und treu; daß mein Bruder zuerst durch ihn die Nachricht erfahre,daß der Ruf ihn nicht übereile. Ich will ihn selbst noch sprechen, eh' er abgeht.

Machiavell. Eure Befehle sollen schnell und genau befolgt werden.


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