Klare. Klarens Mutter. Brackenburg.
Klare. Wollt Ihr mir nicht das Garn halten, Brackenburg?
Brackenburg. Ich bitt Euch, verschont mich, Klärchen.
Klare. Was habt Ihr wieder? Warum versagt Ihr mir diesen kleinen Liebesdienst?
Brackenburg. Ihr bannt mich mit dem Zwirn so fest vor Euch hin, ich kann Euern Augen nichtausweichen.
Klare. Grillen! kommt und haltet!
Mutter (im Sessel strickend). Singt doch eins! Brackenburg sekundiert so hübsch.Sonst wart ihr lustig, und ich hatte immer was zu lachen.
Brackenburg. Sonst.
Klare. Wir wollen singen.
Brackenburg. Was Ihr wollt.
Klare. Nur hübsch munter und frisch weg! Es ist ein Soldatenliedchen, meinLeibstück. (Sie wickelt Garn und singt mit Brackenburg.)
| Die Trommel gerühret! Das Pfeifchen gespielt! Mein Liebster gewaffnet Dem Haufen befiehlt, Die Lanze hoch führet, Die Leute regieret. Wie klopft mir das Herze! Wie wallt mir das Blut! O hätt' ich ein Wämslein Und Hosen und Hut! Ich folgt' ihm zum Tor 'naus |
(Brackenburg hat unter dem Singen Klärchen oft angesehen; zuletzt bleibt ihm die Stimmestocken, die Tränen kommen ihm in die Augen, er läßt den Strang fallen und geht ansFenster. Klärchen singt das Lied allein aus, die Mutter winkt ihr halb unwillig, sie stehtauf, geht einige Schritte nach ihm hin, kehrt halb unschlüssig wieder um und setzt sich.)
Mutter. Was gibt's auf der Gasse, Brackenburg? Ich höre marschieren.
Brackenburg. Es ist die Leibwache der Regentin.
Klare. Um diese Stunde? was soll das bedeuten? (Sie steht auf und geht an das Fenster zuBrackenburg.) Das ist nicht die tägliche Wache, das sind weit mehr! Fast alle ihre Haufen.O Brackenburg, geht! hört einmal, was es gibt. Es muß etwas Besonderes sein. Geht,guter Brackenburg, tut mir den Gefallen.
Brackenburg. Ich gehe! Ich bin gleich wieder da (Er reicht ihr abgehend die Hand; siegibt ihm die ihrige.)
Mutter. Du schickst ihn schon wieder weg.
Klare. Ich bin neugierig; und auch, verdenkt mir's nicht, seine Gegenwart tut mir weh. Ichweiß immer nicht, wie ich mich gegen ihn betragen soll. Ich habe unrecht gegen ihn, und michnagt's am Herzen, daß er es so lebendig fühlt. - Kann ich's doch nicht ändern!
Mutter. Es ist ein so treuer Bursche.
Klare. Ich kann's auch nicht lassen, ich muß ihm freundlich begegnen. Meine Handdrückt sich oft unversehens zu, wenn die seine mich so leise, so liebevoll anfaßt. Ichmache mir Vorwürfe, daß ich ihn betriege, daß ich in seinem Herzen einevergebliche Hoffnung nähre. Ich bin übel dran. Weiß Gott, ich betrieg ihn nicht.Ich will nicht, daß er hoffen soll, und ich kann ihn doch nicht verzweifeln lassen.
Mutter. Das ist nicht gut.
Klare. Ich hatte ihn gern und will ihm auch noch wohl in der Seele. Ich hätte ihnheiraten können und glaube, ich war nie in ihn verliebt.
Mutter. Glücklich wärst du immer mit ihm gewesen.
Klare. Wäre versorgt und hätte ein ruhiges Leben.
Mutter. Und das ist alles durch deine Schuld verscherzt.
Klare. Ich bin in einer wunderlichen Lage. Wenn ich so nachdenke, wie es gegangen ist,weiß ich's wohl und weiß es nicht. Und dann darf ich Egmont nur wieder ansehen, wirdmir alles sehr begreiflich, ja wäre mir weit mehr begreiflich. Ach, was ist's ein Mann!Alle Provinzen beten ihn an, und ich in seinem Arm sollte nicht das glücklichste Geschöpfvon der Welt sein?
Mutter. Wie wird's in der Zukunft werden?
Klare. Ach, ich frage nur, ob er mich liebt; und ob er mich liebt, ist das eine Frage?
Mutter. Man hat nichts als Herzensangst mit seinen Kindern. Wie das ausgehen wird! ImmerSorge und Kummer! Es geht nicht gut aus! Du hast dich unglücklich gemacht! michunglücklich gemacht.
Klare (gelassen). Ihr ließet es doch im Anfange.
Mutter. Leider war ich zu gut, bin immer zu gut.
Klare. Wenn Egmont vorbeiritt und ich ans Fenster lief, schaltet Ihr mich da? Tratet Ihrnicht selbst ans Fenster? Wenn er heraufsah, lächelte, nickte, mich grüßte: war esEuch zuwider? Fandet Ihr Euch nicht selbst in Eurer Tochter geehrt?
Mutter. Mache mir noch Vorwürfe.
Klare (gerührt). Wenn er nun öfter die Straße kam, und wir wohlfühlten, daß er um meinetwillen den Weg machte, bemerktet Ihr's nicht selbst mitheimlicher Freude? Rieft Ihr mich ab, wenn ich hinter den Scheiben stand und ihn erwartete?
Mutter. Dachte ich, daß es so weit kommen sollte?
Klare (mit stockender Stimme und zurückgehaltenen Tränen). Und wie er unsabends, in den Mantel eingehüllt, bei der Lampe überraschte, wer war geschäftig, ihnzu empfangen, da ich auf meinem Stuhl wie angekettet und staunend sitzen blieb?
Mutter. Und konnte ich fürchten, daß diese unglückliche Liebe das klugeKlärchen so bald hinreißen würde? Ich muß es nun tragen, daß meineTochter -
Klare (mit ausbrechenden Tränen). Mutter! Ihr wollt's nun! Ihr habt Eure Freude,mich zu ängstigen.
Mutter (weinend). Weine noch gar! Mache mich noch elender durch deine Betrübnis.Ist mir's nicht Kummer genug, daß meine einzige Tochter ein verworfenes Geschöpf ist?
Klare (aufstehend und kalt). Verworfen! Egmonts Geliebte verworfen? - WelcheFürstin neidete nicht das arme Klärchen um den Platz an seinem Herzen! O Mutter - meineMutter, so redetet Ihr sonst nicht. Liebe Mutter, seid gut! Das Volk, was das denkt, dieNachbarinnen, was die murmeln - Diese Stube, dieses kleine Haus ist ein Himmel, seit EgmontsLiebe drin wohnt.
Mutter. Man muß ihm hold sein! das ist wahr. Er ist immer so freundlich, frei undoffen.
Klare. Es ist keine falsche Ader an ihm. Seht, Mutter, und er ist doch der großeEgmont. Und wenn er zu mir kommt, wie er so lieb ist, so gut! wie er mir seinen Stand, seineTapferkeit gerne verbärge! wie er um mich besorgt ist! so nur Mensch, nur Freund, nur Liebster.
Mutter. Kommt er wohl heute?
Klare. Habt Ihr mich nicht oft ans Fenster gehen sehn? Habt Ihr nicht bemerkt, wie ichhorche, wenn's an der Tür rauscht? - Ob ich schon weiß, daß er vor Nacht nichtkommt, vermut ich ihn doch jeden Augenblick, von morgens an, wenn ich aufstehe. Wär' ich nurein Bube und könnte immer mit ihm gehen, zu Hofe und überall hin! Könnt' ihm dieFahne nachtragen in der Schlacht! -
Mutter. Du warst immer so ein Springinsfeld; als ein kleines Kind schon, bald toll, baldnachdenklich. Ziehst du dich nicht ein wenig besser an?
Klare. Vielleicht, Mutter! wenn ich Langeweile habe! - Gestern, denkt, gingen von seinenLeuten vorbei und sangen Lobliedchen auf ihn. Wenigstens war sein Name in den Liedern! dasübrige konnte ich nicht verstehn. Das Herz schlug mir bis an den Hals - Ich hätte siegern zurückgerufen, wenn ich mich nicht geschämt hätte.
Mutter. Nimm dich in acht! Dein heftiges Wesen verdirbt noch alles; du verrätst dichoffenbar vor den Leuten. Wie neulich bei dem Vetter, wie du den Holzschnitt und die Beschreibungfandst und mit einem Schrei riefst: »Graf Egmont!« - Ich ward feuerrot.
Klare. Hätt' ich nicht schreien sollen? Es war die Schlacht bei Gravelingen, und ichfinde oben im Bilde den Buchstaben C. und suche unten in der Beschreibung C. Steht da:»Graf Egmont, dem das Pferd unter dem Leibe totgeschossen wird.« Mich überlief's -und hernach mußt' ich lachen über den holzgeschnitzten Egmont, der so groß war alsder Turm von Gravelingen gleich dabei und die englischen Schiffe an der Seite. - Wenn ich michmanchmal erinnere, wie ich mir sonst eine Schlacht vorgestellt und was ich mir als Mädchenfür ein Bild vom Grafen Egmont machte, wenn sie von ihm erzählten, und von allen Grafenund Fürsten - und wie mir's jetzt ist!
(Brackenburg kommt.)
Klare. Wie steht's?
Brackenburg. Man weiß nichts Gewisses. In Flandern soll neuerdings ein Tumultentstanden sein; die Regentin soll besorgen, er möchte sich hieher verbreiten. DasSchloß ist stark besetzt, die Bürger sind zahlreich an den Toren, das Volk summt in denGassen. - Ich will nur schnell zu meinem alten Vater. (Als wollt' er gehen.)
Klare. Sieht man Euch morgen? Ich will mich ein wenig anziehen. Der Vetter kommt, und ichsehe gar zu liederlich aus. Helft mir einen Augenblick, Mutter. - Nehmt das Buch mit, Brackenburg,und bringt mir wieder so eine Historie.
Mutter. Lebt wohl.
Brackenburg (seine Hand reichend). Eure Hand!
Klare (ihre Hand versagend). Wenn Ihr wiederkommt. (Mutter und Tochter ab.)
Brackenburg (allein). Ich hatte mir vorgenommen, gerade wieder fortzugehn; und da siees dafür aufnimmt und mich gehen läßt, möcht' ich rasend werden. -Unglücklicher! und dich rührt deines Vaterlandes Geschick nicht? der wachsende Tumultnicht? - und gleich ist dir Landsmann oder Spanier, und wer regiert und wer recht hat? - War ichdoch ein andrer Junge als Schulknabe! - Wenn da ein Exerzitium aufgegeben war: »Brutus' Redefür die Freiheit, zur Übung der Redekunst«, da war doch immer Fritz der Erste, undder Rektor sagte: »Wenn's nur ordentlicher wäre, nur nicht alles so übereinandergestolpert.« - Damals kocht' es und trieb! - Jetzt schlepp ich mich an den Augen desMädchens so hin. Kann ich sie doch nicht lassen! Kann sie mich doch nicht lieben! - Ach - Nein- Sie - Sie kann mich nicht ganz verworfen haben - Nicht ganz - und halb und nichts! - ich duld esnicht länger! - - Sollte es wahr sein, was mir ein Freund neulich ins Ohr sagte?daß sie nachts einen Mann heimlich zu sich einläßt, da sie mich züchtig immervor Abend aus dem Hause treibt. Nein, es ist nicht wahr, es ist eine Lüge, eineschändliche verleumderische Lüge! Klärchen ist so unschuldig, als ichunglücklich bin. - Sie hat mich verworfen, hat mich von ihrem Herzen gestoßen - -Und ich soll so fortleben? Ich duld, ich duld es nicht. - - Schon wird mein Vaterland voninnerm Zwiste heftiger bewegt, und ich sterbe unter dem Getümmel nur ab! Ich duld es nicht! -Wenn die Trompete klingt, ein Schuß fällt, mir fährt's durch Mark und Bein! Ach, esreizt mich nicht! es fordert mich nicht, auch mit einzugreifen, mit zu retten, zu wagen. - Elender,schimpflicher Zustand! Es ist besser, ich end auf einmal. Neulich stürzt' ich mich ins Wasser,ich sank - aber die geängstete Natur war stärker; ich fühlte, daß ichschwimmen konnte, und rettete mich wider Wille. - - Könnt' ich der Zeiten vergessen, dasie mich liebte, mich zu lieben schien! - Warum hat mir 's Mark und Bein durchdrungen, dasGlück? Warum haben mir diese Hoffnungen allen Genuß des Lebens aufgezehrt, indem sie mirein Paradies von weitem zeigten? - Und jener erste Kuß! Jener einzige! - Hier (die Handauf den Tisch legend), hier waren wir allein - sie war immer gut und freundlich gegen michgewesen - da schien sie sich zu erweichen - sie sah mich an - alle Sinnen gingen mir um, und ichfühlte ihre Lippen auf den meinigen. - Und - und nun? - Stirb, Armer! Was zauderst du? (Erzieht ein Fläschchen aus der Tasche.) Ich will dich nicht umsonst aus meines BrudersDoktorkästchen gestohlen haben, heilsames Gift! Du sollst mir dieses Bangen, diese Schwindel,diese Todesschweiße auf einmal verschlingen und lösen.